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stern008.gif (809 Byte)Mein Berlin       (Reinhardt Mey, 1990)

 Ich weiß, daß auf der Straße hier kein einz'ger Baum mehr stand, Ruinen in den Himmel
 ragten, schwarz und leer gebrannt. Und über über Bombenkrater ging ein Wind von Staub
  und Ruß, ich stolperte in Schuhen, viel zu groß für meinen Fuß, neben rmeiner Mutter
 her, die Feldmütze über den Ohr'n, es war Winter '46, ich war vier und hab' gefror'n,
 über Trümmerfelder und durch Wälder von verglühtem Stahl und wenn ich heut' die Augen
                         schließe, seh' ich alles noch einmal.

                     Das war mein Berlin, mein Berlin, mein Berlin,
      in leeren Bollerwaagen über's Kopfsteinpflaster zieh'n, das war mein Berlin

  Da waren Schlagbäume, da waren Straßensperren über Nacht und das Dröhnen in der Luft
 und da war die ersehnte Fracht, der Daikoters und des Kaimasters und sie wendeten das
    Blatt und wir ahnten, die Völker der Welt schauen auf diese Stadt. Da war'n auch
  meine Schultage in dem roten Backsteinbau, lange Strümpfe, kurze Hosen und ich wurd'
  und wurd' nicht schlau. Dann der Juni-Tag als der Postdamer Platz in Flammen stand,
               ich sah Menschen gegen Panzer kämpfen mit der bloßen Hand.

                   Das war mein Berlin, mein Berlin, mein Berlin,
      Menschen die im Kugelhagel ihrer Menschenbrüder fliehn, das war mein Berlin

   Da war meine Sturm-und Drang-Zeit und ich sah ein Stück der Welt und kam heim und
  fand die Hälfte meiner Welt dort zugestellt, da war'n Fenster hastig zugemauert und
  bei manchen Haus, wehten zwischen Steinen noch die Vorhänge zum Westen raus. Wie oft
  hab ich mir die Sehnsucht, wie oft meinen Verstand, wie oft hab ich mir den Kopf an
      dieser Mauer eingerannt, wie oft bin ich dran verzweifelt, wie oft stand ich
   sprachlos da, wie oft hab ich sie gesehen, bis ich sie schließlich nicht mehr sah?

                     Das war mein Berlin, mein Berlin, mein Berlin,
   Wachtürme, Kreuze, verwelkte Kränze, die die Stadt durchziehn, das war mein Berlin

    Da war'n die sprachlosen Jahre, dann kam die Gleichgültigkeit, alte Narben, neue
   Wunden, dann kam die Zerrissenheit, 70er Demo's und die 80er Barrikaden, Kreuzberg
  brennt, an den Hauswänden Graffiti: "Steine sind kein Argument". Hab' ich nicht die
  Müdigkeit und die Enttäuschung selbst gespürt, habe ich nicht in Gedanken auch mein
  Bündel schon geschnürt? All die Reden und Taktieren, haben mir den Nerv geraubt und
             doch hab' ich wie ein Besessener an die Zukunft hier geglaubt

                     Das war mein Berlin, mein Berlin, mein Berlin,
      Widerstand und Widersprüche, Wirklichkeit und Utopien, das war mein Berlin.

 Ich weiß, daß auf der Straße hier kein einz'ger Baum mehr stand, Ruinen in den Himmel
    ragten, schwarz und leer gebrannt.  Jetzt steh' ich hier nach soviel Jahren und
  glaub' es einfach nicht, die Bäume, die hier stehen, sind fast genauso alt wie ich.
 Mein ganzes Leben hab' ich in der halben Stadt gelebt, was sag' ich jetzt, wo ihr mir
   auch die andere Hälfte gebt? Jetzt steh' ich hier und meine Augen sehen sich nicht
        satt, an diesen Bildern: Freiheit, endlich, Freiheit über meiner Stadt.

                  Das ist mein Berlin, mein Berlin, mein Berlin,
  gibt's ein schöneres Wort für Hoffnung, aufrecht gehen, nie mehr knien?
Das ist mein Berlin.